Selbst auf dem Heimweg von der einer Generalprobe mit dem Blasorchester, bin ich vorhin in der Bahn mit zwei richtigen Musikern ins Gespräch gekommen, von denen einer seinerseits auf dem Weg zu einem Auftritt war: Er macht gerade ein Praktikum als Trompeter beim SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, und dieses spielte ein Konzert im Theaterhaus zum siebzigsten Geburtstag des Komponisten
Helmut Lachenmann. Kurzerhand habe ich mich entschlossen, dieses Konzert zu besuchen.
Das erste Stück des Abends war
Accanto für Klarinettenspieler und Orchester. Dies setzt sich zum großen Teil aus allen möglichen Geräuschen zusammen, die man auf Musikinstrumenten machen kann, wenn man nicht wie vorgesehen darauf spielt - Klappengeräusche, tonlos reinblasen, draufklopfen, reinschnaufen, reinschreien... - und die Geräusche haben sogar trotzdem noch eine Tonhöhe, je nachdem welchen Ton man dazu greift. Das ganze Stück ist sehr perkussiv gestaltet, hin und wieder Fetzen traditioneller Musik, Mozarts Klarinettenkonzert läuft die ganze Zeit nebenbei unhörbar vom Band und wird an einigen Stellen eingeblendet. Am 7.12. wird die Aufzeichnung um 19:05 Uhr auf SWR2 gesendet, aber das Stück entfaltet seine Wirkung wahrscheinlich nur live: Wie die Streicher es schaffen, tonlos streichend sich wie Atem oder wie eine Maschine anzuhören, wie der Soloklarinettist wild seine Klappen betätigt und fast verzweifelt in die Röhre seines Instruments (ohne Mundstück) hineinschreit, wie ein Ruck durch das ganze Orchester geht, wenn die Streicher an ihren Saiten zupfen, als wollten sie sie von ihrem Instrument herunterreißen... toll.
Anschliessend dann tatsächlich Mozart, der ja nicht zu meinen Lieblingskomponisten gehört, weil er mir - bei allem musikalischem Anspruch - meistens zu süß und zu lieblich ist.
Sinfonie Nr. 34 C-Dur, nach
Accanto ein starker, und tatsächlich sehr süßer, Kontrast.
In der Pause kommt draussen der Schneefall nun tasächlich auch nach Stuttgart, drinnen geht es weiter mit dem zweiten Lachenmann-Stück des Abends,
Schreiben für Orchester, jetzt in großer Besetzung. Lachenmanns Technik, mindestens ebensoviel mit Geräuschen der Instrumente wie mit Klängen zu arbeiten, kenne ich ja jetzt schon, diesmal "schreiben" die Musiker, Zeichen mit den Schlegeln auf die Felle der zahlreichen Trommeln (fünf Schlagzeuger stehen auf der Bühne) oder mit dem Bogen auf ihre Saiten. Der große Klangköper macht schon was her, letztlich hat mich aber das perkussive
Accanto mehr beeindruckt. Dennoch, ein sehr schönes Konzert, und als ich das Theaterhaus verlasse, ist dem Konzert wohl auch der Schneefall schon wieder vorbei.