… beinahe, denn schon naht Hiob mit wehendem weißem Bart und einer weiteren Botschaft: Geigerin Anne wird gesundheitsbedingt nicht mittouren können. Das heißt, der für die verhinderte Anna eingesprungene Hanno darf das Violin-Ding alleine durchziehen. Der nimmt die Sache gelassen und druckt sich noch eben ein paar Noten zusätzlich aus.
Frankfurt. Eine Stadt, schön wie ein Börsencrash. So zumindest unser Eindruck bei der Anreise zum „Nachtleben“, einem Club, der im Gegensatz zu den Bankenpalästen von Mainhattan sympathisch übersichtlich ist. Die Bühne ist geradezu kuschelig, da Coppelius ja ihr Drumset irgendwo hinstellen müssen, wodurch der Platz im Grunde bereits ausgefüllt ist. Zusammenrücken heißt es auch im Backstage, was dank des freundlichen Empfangs durch die Kollegen glücklicherweise kein Problem ist. Dass jemand lose Witze macht, als mein Cellobogen Haare lässt („na vom Kopf sind die jedenfalls nicht“) schmerzt natürlich kurz, wie jede Wahrheit. Dass vorne links (von uns aus gesehen) einige musikbegeisterte und für Kammermusikcore empfängliche Menschen stehen, macht die bittere Erkenntnis aber ebenso vergessen, wie die Textsicherheit eines Herrn im Anzug, der insbesondere bei „Mackie Messer“ brilliert. Alles in allem ein gelungener Start.
Freitag 5.12.2009 – Backstage, München
Ausgerechnet Ole, der im Proberaum alle Regler nach rechts peitscht, äußert den Wunsch, noch eben neue Felle zu besorgen, als seien die alten nicht laut genug. Statt Fellen kommt er dann mit gerahmten, durchsichtigen Kunststoffrädern aus dem Shop. Was soll‘s. Andere in der Band streichen mit Pferdehaaren über Metalldrähte oder pusten in Röhrchen. Die Musik ist eben eine Welt voller kleiner Wunder. Wundern können wir uns nach der Ankunft im Backstage beispielsweise auch gemeinsam mit Coppelius über die Tatsache, dass wir nicht in der Halle, sondern im Club spielen, vor allem aber darüber, dass dort im Anschluss eine Reggae-Party stattfinden wird, was den Zeitplan empfindlich beschneidet. Mit dem coppelianischen Operations-Jagdmesser entfernen wir notgedrungen zwei Songs aus der Setlist.
Ideal hingegen die Bühnenverhältnisse, die kaum eine Umstellung von Frankfurt her notwendig machen. Hanno ist zwischen all dem Geraffel der beiden Bands so gut versteckt, dass sein Geigenspiel fast als Illusionsmagie durchgehen würde, Timo und Felix laufen ständig Gefahr, von meinem Bogen durchbohrt zu werden und revanchieren sich, indem sie mir immer wieder die freie Sicht auf ein Publikum verstellen, das trotz des frühen Konzertbeginns (direkt nach Einlass) erfreulich stark von feierwilligen Menschen durchsetzt ist. Das Mitklatschen funktioniert, als sei es den Münchnern in die Wiege gelegt und nicht zugig nass und kalt sondern jamaikanisch sonnig-wonnig. Die Aura der Rastaträger? Die wenigen, offenbar von den nachwirkenden Außentemperaturen zum Stillstehen verdammten und mimisch stark beeinträchtigten Anwesenden bilden einen reizvollen Kontrast zu auftauenden Zeitgenossen. Leider ist das Set schnell vorbei und die Umbauzeit knapp. Dafür laufen Coppelius im Anschluss zur Höchstform auf. Wir können das Schauspiel in erfreulicher Gesellschaft genießen: König Ludwig (Hell), Freibeuter Petz und Phyra von Vroudenspil, sowie Michael, der „Tanzt!“-Festival-Macher sind mit uns. Danke für die Kekse und Michael: Nachträglich nochmal alles Gute zum Geburtstag!
Samstag 6.12. 2009 – Columbia Club, Berlin
Morgenstund hat Gold im Mund! Diese Redewendung ist gängig. Remember Twilight aber sind keine Band, die dem Gängigen Glauben schenkt. Ziemlich zerschlagen schleppt sich die musikalische Teilzeit-Männergruppe in die Duschräume des Hostels. Es ist knapp nach Sonnenaufgang und das Absacker-Bier ist kaum einen Lidschlag her. Dennoch laufen die grauen Zellen einiger Bandmitglieder bereits wieder auf Hochtouren. Jörg und Florian diskutieren einen neu zu schaffenden Musikstil und können sich nicht ganz zwischen Dark Ragga und Kammermusik-Dub entscheiden, Felix erläutert die Funktionsweise des (vor allem für Nichtsegler gemeinen) Gaumensegels. Ob sich ein Fahrzeug damit antreiben ließe, bleibt ungeklärt. Wir nehmen lieber doch den Sprinter: Destination Berlin.
Vorbei am Symbolbau Nationalsozialistischen Größenwahns, den Flughafenbauten von Tempelhof (mit 307.000 m² Fläche waren sie einst Weltrekordhalter) geht es zum Columbia Club, der flächengrößten Location der Minitour. Zwar sind an diesem Abend zwei weitere Bands an Bord, die weitläufigen Backstageräume lassen das aber beinahe vergessen. Gewusel? Fehlanzeige. So bleibt noch ein wenig Zeit, um durch die Stadt zu wuseln. Schon die ersten Eindrücke machen uns nachdenklich. „Berlin den Berlinern, nicht den Schwaben“, steht da an einer Wand. Müssen wir beim nächsten Mal also eine Aufenthaltsgenehmigung mitbringen? Und gibt es ein nächstes Mal, wenn man statt Döner, Vöner ist? Oder Bioburger? Oder Wagenburger?
Das Catering im Columbia Club heißt beruhigend vertraut Pizza. Dass die Lieferung ca. fünf Minuten vor Beginn unseres Auftritts erfolgt ist Künstlerpech. Wer Timos Gitarre entstöpselt hat, bleibt hingegen ein Mysterium. Das Phantom des Columbia? Einheimische Konzertbesucher wissen von weiteren spektakulären Technikpannen im Club zu berichten. Unterm Strich läuft das wieder komplette Set gemessen daran erfreulich gut durch. Die große Bühne ist eine Wohltat. Leider ist alles ziemlich schnell vorbei. Ein Stück kalte Pizza, ein paar Hefetöpfe und einige anregende Gespräche im hinteren Hallenbereich später ist es dann soweit. Coppelius spielen mit „1916“ den letzen Song dieser Konzertreise. Noch einmal kann ich mit Hanno am Merchstand die Grabkerzen schwenken. Dann heißt es Abschied nehmen. Fürs erste. Am 28.12. gibt es schließlich ein Wiedersehen in Annaberg-Buchholz.
Bis dahin grüßen wir Coppelius und Crew und all die freundlichen Menschen, die uns begegnet sind
chriz, der Chronist mit dem Cello und Remember Twilight